Karl Schaffer
Jeder Mensch stellt sich
irgendwann im Leben die Frage nach seinem eigenen Sein, seinem Wesen und seinem
Lebensziel: „Wer bin ich? Was für einen Sinn hat mein Leben? Was erwartet mich
nach dem Tod?“
Es ist dies eine durchaus
verständliche Haltung, denn wer sich diese Fragen nicht stellt, wird leicht als
ein Dummkopf angesehen, als jemand ohne Wert und ohne Richtung im Leben. Ganz
anders ist da die Einstellung dessen, der den Menschen im Lichte der katholischen
Lehre sieht.
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Der von Gott aus dem Schlamm der Erde geschaffene und mit einem Körper und einer Seele versehene Mensch ist dazu auf der Welt, seinen Schöpfer zu erkennen, zu lieben, ihm zu dienen und ihn in alle Ewigkeit zu preisen. Indem er dies tut, findet er sein höchstes Glück und ein unvergängliches Leben.
„Gott schuf den Menschen
zur Unvergänglichkeit und als Abbild seines eigenen Wesens machte er ihn. Aber
durch des Teufels Neid kam der Tod in die Welt“, lehrt das Buch der Weisheit
(2,23f).
Tatsächlich gingen Adam und Eva im Zustand der Unschuld oder
Urgerechtigkeit unmittelbar aus der Hand Gottes hervor, ausgestattet mit
natürlichen und übernatürlichen Gaben, einem vollkommenen Verstand, bar aller
auf dem Unwissen beruhenden Ungewissheit; ihre Wille war auf das Gute
ausgerichtet und verspürte keinerlei Neigung zum Bösen; ihr Herz war Gott
zugewandt und kannte nicht die Bande der Begehrlichkeit. Diese Gaben erlaubten
ihnen vor allem das außerordentliche Zusammenleben mit Gott selbst, wie wir es
aus der Erzählung der Genesis über das irdische Paradies kennen.
Wir wissen, wie die Probe ausging, auf die Adam und Eva
gestellt wurden. Die Sünde unserer Stammeltern hatte ihre Vertreibung aus dem
irdischen Paradies und die Übertragung der Erbsünde auf das ganze
Menschengeschlecht zur Folge. Seit der Vertreibung aus dem Paradies ist der
Mensch der Verderblichkeit und dem Tod, das heißt der Trennung der
unsterblichen Seele vom vergänglichen Körper unterworfen.
Die göttliche Barmherzigkeit konnte sich jedoch nicht von
der Sünde besiegen lassen. Darum hat Gott den Menschen den Messias, den
Erlöser, seinen eigenen, in die menschliche Natur hineingeborenen Sohn
versprochen. Gleichzeitig hat er die Schlange mit diesen Worten verdammt:
„Feindschaft will ich stiften zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Samen
und ihrem Samen; er wird dir nach dem Haupte trachten und du wirst nach seiner
Ferse schnappen“ (Gen 3,15).
Wer sollte diese
geheimnisvolle Frau sein, wenn nicht Maria, die Unbefleckte, das einzige
Geschöpf, das ohne den Makel der Erbsünde empfangen wurde, weil sie zur Mutter
des Erlösers bestimmt war?
Während Gott den Menschen
so wie Gold im Schmelzofen prüft, stellt er ihm gleichzeitig einen göttlichen
Verbündeten zur Seite, nämlich unseren Herrn Jesus Christus, und eine
unvergleichliche Fürsprecherin, die heiligste Maria. Er lässt zwar seine
Gerechtigkeit walten, zeigt aber gleichzeitig seine unendliche Barmherzigkeit.
Es ist zwar richtig, dass
Generation um Generation sich als schwächer und sündhafter erweist, wer aber
nach den Geboten lebt, wird nach kurzem Leiden mit großen Gütern belohnt: „Die
Gerechten leuchten auf zur Zeit des Endgerichts“ (Weish 3,7). Der Apostel
Paulus ist davon überzeugt, „dass die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen
sind mit der Herrlichkeit, deren Offenbarwerden für uns bevorsteht“ (Röm 8,18).
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Um zu verstehen, worin diese Herrlichkeit und dieser ewige
Lohn bestehen, müssen wir uns auf die letzten Dinge besinnen: auf Tod, Gericht,
Hölle oder Paradies. Diese Betrachtungsweise ist nicht nur nützlich, sondern
immer auch heilsam. „Denke an die letzten Dinge, dann wirst du nicht sündigen“,
sagt die Heilige Schrift.
Der tragische, erschütternde Tod, wie wir ihn kennen, wurde
als Strafe für die Sünde über uns verhängt. Er ist die Trennung der zwei
Bestandteile der menschlichen Natur: Seele und Leib. Der Leib zerfällt in
Fäulnis. „Denke daran, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst“,
mahnt die Kirche in der Liturgie. Die Seele aber wird unmittelbar nach dem Tod
für all ihr Tun und Lassen gerichtet. Der heilige Paulus sagt ausdrücklich:
„Alle müssen wir vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit ein jeder
empfange nach dem, was er tat in seinem leiblichen Leben, sei es Gutes, sei es
Böses“ (2 Kor 5,10). Es ist dies das private Gericht, in dem jedem Einzelnen
das Schicksal zuteil wird, das er während seines Lebens für sich bereitet hat.
Es gibt Menschen die einen
Scheintod erlitten haben, einen Zustand, in dem praktisch keine Lebenszeichen
mehr zu erkennen sind, und die dann wieder ins Leben zurückkehrten. Einige von
ihnen behaupten, dass es war, als zöge in einem einzigen Augenblick ihr ganzes
Leben an ihrem Gedächtnis vorüber. Dies kann auch bei Menschen geschehen, die
verunglücken oder in einen Abgrund stürzen. Dieser augenblickliche
Erinnerungsblitz ist der Stoff, nach dem der Einzelne gerichtet wird. Vor dem
höchsten Richter wartet auf die Seele unweigerlich eines dieser beiden
Endziele: entweder der Himmel oder die Hölle. Der erstere ist der Lohn für
einen tugendhaften Lebenskampf, die andere ist die Strafe für die Sünden.
Doch auch bei diesem unerbittlichen Urteil offenbart Gott
seine Barmherzigkeit, denn allein die schweren Sünden – die „Todsünden“ –
führen zur Verdammnis. Selbst im Leben der Heiligen gehören Schwächen und Elend
zum menschlichen Dasein. Man braucht sich ja nur an die Verleugnung des
heiligen Petrus in der Leidensgeschichte Unseres Herrn zu erinnern. Die
Gerechtigkeit verlangt natürlich, dass alle Sünden gesühnt werden. Doch nicht alle
Menschen sühnen sie in diesem Leben. So kann es geschehen, dass ein Sünder
seine Vergehen bereut und ihm diese im Bußsakrament vergeben werden. Dennoch
bleibt eine zeitliche Strafe zu sühnen. Diese Strafe kann nach dem Tod noch im
Fegefeuer abgebüßt werden. Dasselbe gilt auch für Sünden, die nicht so schwer
sind, dass sie den Menschen von Gott trennen. Sollte jemand unter diesen
Bedingungen sterben, muss er die entsprechende Strafe im Fegefeuer sühnen.
Das Fegefeuer ist demnach ein vorläufiger Aufenthaltsort.
Viele Seelen werden ihre Tage bis zum Ende der Welt an diesem Ort verbringen
... Und die Strafen können furchtbar sein. Die dort leidenden Seelen haben
jedoch die Gewissheit, dass sie in den Himmel kommen und Gott schauen werden.
Das ist der große Unterschied zur Hölle, wo die Qual ewig ist und nicht die
geringste Hoffnung auf ein Ende besteht.
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Neben dem persönlichen Gericht wird es aber auch ein Letztes
Gericht am Ende der Zeit geben. Die Welt ist nicht ewig und sie wird wie alles
Stoffliche ein Ende haben. Unser Herr Jesus Christus, der für unsere Erlösung
gelitten hat und gestorben ist, wird am Ende der Zeit alle Menschen nach ihren
Werken richten. Es ist dies das in der Offenbarung beschriebene Endgericht
(20,11-15).
Zu diesem Zeitpunkt werden alle Toten auferstehen, damit
sich Leib und Seele wieder vereinigen und gemeinsam ihren Platz in der
Herrlichkeit oder in der ewigen Verdammnis einnehmen können. „Wenn der
Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommen wird und alle Engel mit ihm, dann wird
er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen, und es werden sich alle
Völker vor ihm versammeln und er wird sie scheiden voneinander, wie der Hirt
die Schafe von den Böcken scheidet. Die Schafe wird er zu seiner Rechten
stellen, die Böcke zu seiner Linken. Dann wird der König zu denen zu seiner
Rechten sagen: Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters! Besitzt das Reich, das euch
seit Grundlegung der Welt bereitet ist“ (Mt 25,31-34).
Diese Szene wird im
Bildwerk der Kathedralen auf großartige Weise dargestellt: Neben dem die Mitte
einnehmenden Christkönig sehen wir an seiner rechten Seite die heiligste
Jungfrau Maria und alle Gerechten: Patriarchen, Propheten, Apostel, Bekenner,
Märtyrer, Kirchenlehrer ... Nach den
Worten des Evangeliums dürfen wir uns in dieser Menge nicht nur große, bekannte
Gestalten vorstellen, sondern ebenso zahllose bescheidene Gläubige. Wie viele
Einsiedler, Ordensleute und Laien, die unbekannt in ihren Höhlen, Klöstern und
Häusern lebten, werden heller leuchten als große, weltweit gefeierte Geister!
Diese himmlischen Ehren werden die irdischen um ein Vielfaches übertreffen.
Der Glaube lehrt uns, dass alle Toten, die gerechten wie die
verworfenen, für die Ewigkeit im Himmel oder in der Hölle auferstehen werden,
denn der Herr Jesus Christus hat mit seinen Verdiensten den Tod besiegt und
wird ihn im Endgericht endgültig niederstrecken. Der auferstandene Leib wird
der Substanz nach derselbe sein, den ein jeder im irdischen Leben vor der
Zerstörung durch den Tod besaß.
Für die Gerechten wird der
auferstandene Körper ein Anlass zu größerer Fröhlichkeit sein, denn die Freuden
des nunmehr glorreichen Leibes werden zu denen des Geistes hinzukommen. Bei den
Verworfenen dagegen wird die Vereinigung von Leib und Seele Anlass zu nur noch
größerer Pein sein, denn zu den Leiden ser Seele werden sich nun auch noch die
eines abscheulichen, von der Sünde entstellten Körpers gesellen.
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Wir haben erklärt, dass die Menschen im himmlischen
Vaterland glorreiche Körper besitzen werden. Was will das heißen?
Das bedeutet, dass die Auserwählten im Himmel neben der
Würde und Schönheit, wie sie Menschen eigen sind, die tugendhaft gelebt und die
Sünde besiegt haben, gewisse Gaben und Fähigkeiten besitzen werden, die ihnen
noch größeren Glanz verleihen werden.
Da ist an erster Stelle die Unempfindlichkeit oder
Unverderblichkeit zu nennen. Der verherrlichte Leib spürt weder Hunger und
Durst noch Kälte, Hitze, Schmerz oder Bedrängnis. Er ist weder Krankheiten noch
dem Tod unterworfen. Als der Herr einst den Aposteln erschien, bat er sie um
etwas zu essen und hat vor ihren Augen ein Stück Fisch verzehrt (Lk 24, 41-42).
Dies tat er jedoch nicht etwa, weil er Hunger verspürte, sondern um den Jüngern
zu helfen, ihre Ungläubigkeit zu überwinden.
Eine weitere Gabe ist die Klarheit oder Herrlichkeit. Nach dem Römischen Katechismus (12, Art. 11, 11) handelt es sich bei dieser Klarheit um eine Art Glanz, der von der Glückseligkeit der Seele auf den Körper übergeht. Damit gewinnt dieser Teilhabe an dem Glück der Seele, so wie diese ihrerseits glücklich ist, weil ein Strahl der göttlichen Glückseligkeit auf sie fällt. „Die Gerechten werden im Reiche des Vaters wie die Sonne strahlen“ (Mt 14,43). So erglänzte auch der Herr bei seiner Verklärung auf dem Berg Tabor und bei seiner glorreichen Himmelfahrt. An dieser Klarheit hatte auch Moses in der Wüste
Quelle: Allianz mit Maria, Nr. 4, 2008.
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