08.12.2017

Unterricht für das Fest der unbefleckten Empfängnis Mariä

Die Verkündung des Dogmas der unbefleckten Empfängnis Mariens

Die Katholische Kirche feiert heute und (früher) die folgenden acht Tage mit besonderer Feierlichkeit die unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau Maria.
Dieser Titel bezieht sich auf den hohen Vorzug, das einzige Vorrecht, vermöge dessen die allerseligste Jungfrau Maria, infolge einer besonderen Gnade von Seiten Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Christi, schon im ersten Augenblick ihrer Empfängnis vor jeder Makel der Erbsünde bewahrt worden ist.
Diese Lehre ist ein Glaubenssatz, denn Papst Pius IX. hat am 8. Dezember 1854 vor zahlreich versammelten Bischöfen aus der ganzen Welt in der Peterskirche in Rom, in Übereinstimmung mit der ganzen christlichen Überlieferung und den allgemeinen katholischen Glauben, feierlich festgelegt und bestimmt:
„Es ist ein Glaubenssatz (Dogma), das die allerseligste Jungfrau Maria von dem ersten Augenblick ihrer Empfängnis an durch ein Privilegium und eine besondere Gnade Gottes in Kraft der Verdienste Jesu Christi, des Heilandes der Menschheit, bewahrt und beschützt worden sei vor jedem Flecken der Erbsünde.“
Bezüglich der Aufstellung so genannter „neuer Glaubenssätze“ ist zu beachten, was der hl. Thomas von Aquin lehrt; er sagt: „Was den wesentlichen Inhalt der Glaubenssätze betrifft, so haben dieselben im Laufe der Zeiten keinen Zuwachs erhalten, denn alles, was die nachfolgenden Jahrhunderte geglaubt haben, ist in dem Glauben der vorausgehenden Väter enthalten, wenn gleich noch verhüllt. Was aber die Entscheidung und Erklärung der Lehre betrifft, so ist die Zahl der Glaubenssätze allerdings gewachsen, weil einige Glaubenssätze in den nachfolgenden Jahrhunderten ausdrücklich erkannt worden sind, welche die Vorfahren nur insofern erkannten, als sie in anderen Grundsätzen noch verschlossen und gleichsam verhüllt waren.“
In der heiligen Kirche ist immer dieselbe Lehre Christi, aber nicht in einer toten Form, sondern in einem lebendigen Lehramt. Dieses verkündet immer dieselbe Lehre Christi, aber nach Bedürfnis der verschiedenen Zeiten, erleuchtet vom Heiligen Geist. So ist es auch mit dem Dogma und der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariä.
In der Kirche hat man schon immer an die unbefleckte Empfängnis Mariens geglaubt. Schon das Konzil von Trient erklärte, dass im Beschluss von der Erbsünde die seligste Jungfrau nicht mitinbegriffen sei. Auch hat dieses Konzil das schon im Jahre 1070 eingeführte Fest von der unbefleckten Empfängnis Mariä bestätigt. Bis auf die apostolischen Zeiten zurück war es stets eine fromme Meinung aller Heiligen und der gelehrtesten Angehörigen der Kirche, dass Maria ohne Erbsünde empfangen sei. „Ausgenommen ist Maria“, sagt der hl. Augustinus, „wenn von der Sünde die Rede ist.“ Das war der beständige Glaube der Kirche von Anfang an bis heute.

Hat auch keine bestimmt ausgesprochene irrige Meinung den heiligen Stuhl zu dieser Entscheidung gedrängt, so doch noch etwas Schlimmeres, die allgemeine Strömung des Materialismus und Naturalismus, das Kainszeichen unserer Zeit. Der Mensch vergötterte sich selbst und opferte diesem Gott, was immer die sichtbare Welt ihm bot. Sinnengenuss war das Ziel seines Daseins. Stolz wies er den Erlöser zurück, da er kein Bedürfnis zur Erlösung, keine Sünde anerkannte. Dieser tollen Überhebung und glaubenslosen Versinnlichung des Menschen, dieser dreifachen Frucht der Erbschuld, stellte Pius IX. in der erbschuldlosen Jungfrau die herrlichste Antwort entgegen. Dem Stolze  verkündet sie des Menschen sündenvollen Ursprung. Der Sinnlichkeit hält sie die Vollkommenheit der makellos Empfangenen gegenüber. Dem irdischen Treiben und Streben stellt sie als Gegensatz ein anderes Gut, die Gnade, ein anderes Endziel, die Sündenreinheit und Gnadenhöhe gegenüber. Vom Duft dieser geheimnisvollen Rose, der unbefleckten Jungfrau, die Pius IX. zur vollen Entfaltung gebracht, sollte die kranke Menschheit gesunden.
Die lehrreiche Bedeutung des Geheimnisses der unbefleckten Empfängnis Mariens für uns
1. Es lehrt uns die unendliche Heiligkeit des dreieinigen Gottes kennen, der die Sünde hasst und verabscheut. Er, der unendlich Heilige, wollte nicht, dass die Mutter des Gottessohnes auch nur einen Augenblick von der Sünde befleckt sein sollte.
2. Es lehrt uns das Kleinod der heiligmachenden Gnade Hochschätzen. Wir sind zwar nicht unbefleckt, sondern in Sünden empfangen und geboren; allein wir wurden durch das Bad der Taufe rein gewaschen, wiedergeboren, frei von jeder Sündenmakel. Hierin sind wir Maria einigermaßen gleich geworden; bewahren wir also diese uns erteilte Unschuld!
3. Maria, unbefleckt empfangen, war auch von der jeden Menschen angeborenen Neigung zur Sünde frei geblieben. Dessen ungeachtet, welche Sorgfalt, die Unschuld zu bewahren! Sie wacht über ihre Sinne, flieht jegliche Gefahr, liebt nur den Umgang mit ihrem Gott. — Willst du die in der Taufe erhaltene Unschuld bewahren, so wirst du es auf keine andere Weise tun können. Halte dich also fern von allen Gefahren, lebe deinem Gott und deiner Pflicht, bete und wache unablässig, damit die deinen Schatz, den du in gebrechlichem Gefäß trägst, nicht verlierst.
4. Aber auch Maria, die reinste, musste leiden. Leiden sind der Weg zum himmlischen Vaterland. — Sollten wir Sündenbefleckte nichts leiden wollen?

Quelle: „Unterricht für das Fest der unbefleckten Empfängnis Mariä“, in Katholische Handpostille von R. P. Leonhard Goffine, Verlagsanstalt Benziger & Co. K.G. Einssiedeln. Vermutlich 1896, S. 324ff.


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