19.09.2017

La Salette – Ereignis und Botschaft


Es ist der 19. September 1846. Auf einer einsamen Alp über La Salette, in den südfranzösischen Alpen, 1800 m Ü. M., hüten zwei Kinder aus Corps, der 11-jährige Maximin Giraud und die 15-jährige Melanie Calvat, ihre Kuhherden. Plötzlich erblicken sie in der kleinen Mulde eine Feuerkugel, die leuchtet wie die Sonne, und darin immer deutlicher die Gestalt einer Frau, die auf einem Steinblock sitzt, das Gesicht in den Händen vergraben. Sie weint. Lange stehen die Kinder erschrocken da. Nun erhebt sich die Gestalt und lädt sie zu sich ein:
„Kommt näher, Kinder, habt keine Angst! Ich bin hier, um euch eine große Botschaft mitzuteilen.“
Sie geht einige Schritte auf die Kinder zu, und diese ihrerseits kommen den Hang herunter und treten ganz nahe heran. So können sie die Gestalt genau sehen. Sie ist groß und strahlt in hellem Licht. Sie trägt ein langes, weißes Gewand, eine gelbe Schürze, ein Halstuch und eine einfache Haube. Auf ihrem Haupt leuchtet ein Diadem und auf ihrer Brust ein Kreuz mit Hammer und Zange an dem Querbalken. Aller Lichtglanz geht von diesem Kreuz aus. Wer ist sie? Die Kinder wissen es nicht. Sie sprechen später immer von der „Belle Dame“, der schönen Frau. Nun beginnt sie zu sprechen:
„Wenn mein Volk sich nicht unterwerfen will, bin ich gezwungen, den Arm meines Sohnes fallen zu lassen. Er lastet so schwer, dass ich ihn nicht länger stützen kann. So lange schon leide ich um euch! Wenn ich will, dass mein Sohn euch nicht verlässt, muss ich ihn unablässig für euch bitten. Aber ihr macht euch nichts daraus! So viel ihr auch betet und tut: nie werdet ihr die Mühe vergelten können, die ich für euch auf mich genommen habe.
Ich habe euch sechs Tage zum Arbeiten gegeben und den siebten mir vorbehalten, und man will ihn mir nicht geben. Das ist es, was den Arm meines Sohnes so schwer macht.
Die Fuhrleute können nicht fluchen, ohne dabei den Namen meines Sohnes zu missbrauchen. Das sind die zwei Dinge, die den Arm meines Sohnes so schwer machen!“
Der Tag des Herrn, der Tag der Ruhe nach dem Schöpfungswerk, der Tag der Auferstehung Christi, soll auch der Tag des Menschen sein: da soll er aufatmen, aufblicken, sich besinnen auf Gott, der ihn zum Leben befreit. Und der Name Jesu, ihres Sohnes? Es ist der Name, durch den alles geworden ist und eine "neue Schöpfung" wird. Ihn verhöhnen heißt auch sein Werk verhöhnen. Und umgekehrt: sein Werk verhöhnen heißt den Schöpfer verhöhnen. Maria macht da auf sehr Aktuelles aufmerksam.
„Wenn die Ernte verdirbt, geschieht es nur euretwegen. Ich habe es euch im vergangenen Jahr an den Kartoffeln gezeigt. Ihr habt euch nichts daraus gemacht. Im Gegenteil, wenn ihr verdorbene Kartoffeln gefunden habt, habt ihr geflucht und dabei den Namen meines Sohnes missbraucht. Sie werden weiter verderben, und dieses Jahr an Weihnachten wird es keine mehr geben.“
Hier hält die Erscheinung inne.
„Versteht ihr mich nicht, Kinder? Ich werde es euch anders sagen.“
Sie wiederholt die letzten Sätze im Dialekt von Corps, den die Kinder fließend sprechen, und fährt dann auch im Dialekt fort:
„Wenn ihr Getreide habt, so sät es nicht! Alles, was ihr sät, werden die Tiere fressen, und was etwa aufgeht, wird beim Dreschen in Staub zerfallen.
Es wird eine große Hungersnot kommen. Bevor die Hungersnot kommt, werden die Kinder unter sieben Jahren von einem Zittern befallen und in den Armen jener sterben, die sie halten. Die andern werden durch die Hungersnot Busse tun. Die Nüsse werden wurmstichig, und die Trauben werden verfaulen.“
Maria wollte damit sagen: „Wenn ihr den Himmel nicht sucht, verliert ihr auch die Erde.“ Wenn wir das Reich Gottes ablehnen, kann uns kein Menschenreich gelingen. „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit und alles andere wird euch hinzugegeben“ (Mt 6,33).
Die „Schöne Frau“ spricht weiter, aber Melanie hört nichts. Sie vertraut Maximin ein Geheimnis an, dann in gleicher Weise der Melanie. Die Geheimnisse wurden später durch die Kinder dem Papst übermittelt, jedoch nie veröffentlicht.
„Wenn sie sich bekehren, werden die Steine und Felsen zu Getreidehaufen werden, und die Felder werden von Kartoffeln übersät sein.“
Der Aufruf zur Bekehrung ist das Herzstück des Ereignisses von La Salette.
Es folgt ein kleiner Dialog mit den Kindern:
„Verrichtet ihr euer Gebet gut, Kinder?“
„Nein, nicht gerade gut, Madame.“
„Ach, Kinder, ihr müsst gut beten, am Morgen und am Abend, auch wenn es nur ein Vaterunser und ein Ave Maria wäre, falls ihr es nicht besser machen könnt. Aber wenn ihr es besser machen könnt, dann betet mehr!
Im Sommer gehen nur ein paar ältere Frauen zur Messe. Die andern arbeiten am Sonntag den ganzen Sommer hindurch. Im Winter, wenn sie nicht wissen, was tun, dann gehen sie zur Messe, aber nur, um sich über die Religion lustig zu machen. In der Fastenzeit laufen sie wie die Hunde in die Metzgerei.“
Harte und realistische Worte, wenn Maria diese „Winterchristen“ erwähnt, die damals vor lauter Langeweile zur Kirche gingen, um nachher im Bistro mit Witzeleien aufwarten zu können. Oder wenn sie von jenen Christen spricht, welche die Gnade der Fastenzeit so wenig zu schätzen wissen wie ihre lieben Vierbeiner. Zu hart, zu realistisch? Maria ist eine Frau aus dem Volk und spricht zum einfachen Volk, und das tut sie mit Recht nicht in der Theologen-, Psychologen­ oder Dichtersprache, sondern so, wie das Volk dieser Gegend sie verstehen konnte. Und es hat sie verstanden.
Zum Schluss erzählt Maria eine wahre Begebenheit aus dem Leben des Knaben Maximin. Narrative Theologie könnte man das nennen:
„Habt ihr nie verdorbenes Getreide gesehen, Kinder?“
„Nein, Madame“, antworten die beiden wie aus einem Mund.
„Aber du, Kind“, sagt sie zu Maximin gewendet, „du musst schon solches gesehen haben, in der Gegend von Coin, mit deinem Vater. Der Besitzer des Feldes sagte zu deinem Vater: Kommt und seht, wie mein Getreide verdirbt! Ihr seid dann hingegangen und habt zwei, drei Ähren in die Hand genommen und zerrieben, und alles ist in Staub zerfallen. Dann, auf dem Heimweg, als ihr nur mehr eine halbe Stunde von Corps entfernt wart, gab der Vater dir ein Stück Brot und sagte: Nimm, mein Kind, und iss noch Brot, denn ich weiß nicht, wer im nächsten Jahr noch Brot hat, wenn es mit dem Getreide so weitergeht!“
„Ach ja, Madame“, antwortet Maximin, „jetzt erinnere ich mich wieder. Ich dachte nur nicht mehr daran!“
Der Vater von Maximin, Wagner Giraud, hatte seit längerer Zeit Gott vergessen. Als sein Junge ihm vor Erlebnis auf dem Berg berichtete, wollte er ihm zunächst die Flausen austreiben. Dann aber, als Maximin sagte: „Aber, Papa, sie hat auch von dir gesprochen“, hörte er aufmerksam zu und war ergriffen von so viel mütterlicher Nähe und Sorge. Haben nicht auch wir schon diese mütterliche Nähe und Sorge erfahren? Und müssten nicht auch wir mit Maximin sagen:
„Ach ja, das stimmt, ich dachte nur nicht mehr daran“? Auch die Kummergeschichte der Girauds ist ein Teil der „grossen Botschaft“ Marias von La Salette und zugleich ihr sehr persönlicher und vertrauenerweckender Abschluss.
Marias Botschaft ist nicht nur für Maximin und Melanie bestimmt, sie soll weitergehen an alle:
„Nun, Kinder, teilt dies meinem ganzen Volke mit!“
Dann geht Maria von ihnen weg, schreitet den Hang hinauf, wendet sich nochmals um und wiederholt den Auftrag:
„Kinder, teilt dies gut meinem ganzen Volke mit!“
Die Kinder eilen ihr nach. Auf der kleinen Anhöhe schwebt sie empor. Dann „schmilzt sie im Licht“, sagen die Kinder, die noch lange emporblicken, aber nichts mehr sehen als den blauen Himmel. Was sollen sie nun tun mit diesem tiefen Erlebnis, mit dieser Botschaft und diesen für sie unerfüllbaren Auftrag? Sie haben das Ihre getan. Sie haben noch am gleichen Abend und ungezählte Male danach im Tal berichtet, was sie auf dem Berg erlebt haben. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde, und bald schon stiegen die ersten Pilger die steilen Pfade hinauf, und es reiften die ersten Früchte der Bekehrung und der Versöhnung.
Der zuständige Bischof von Grenoble, Philibert de Bruillard, veranlasste eine „genaue und strenge Prüfung des Ereignisses, der Zeugen, der Botschaft und ihres Widerhalls“ und sprach zum fünften Jahrestag der Erscheinung in einem Hirtenschreiben die offizielle Anerkennung aus. Der entscheidende Satz darin: „Wir erklären, dass die Erscheinung der Allerseligsten Jungfrau ... in der Pfarrei La Salette ... am 19. September 1846 ... alle Merkmale der Echtheit aufweist und dass die Gläubigen berechtigt sind, sie als unzweifelhaft und sicher anzunehmen.“ Der gleiche Bischof ordnete an, dass an der Stätte des wunderbaren Ereignisses eine Kirche gebaut werde und gründete eine Priestergemeinschaft, aus der die Kongregation der Salettiner hervorging. Der Auftrag aber ergeht an alle, die von La Salette Kunde erhalten: „Teilt dies meinem ganzen Volke mit“, diese Botschaft und diesen Geist der Versöhnung. 


Entnommen aus dem Faltblatt „La Salette – Ereignis und Botschaft“ vom
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