13.09.2017

Die fünfte Erscheinung: Donnerstag, den 13. September 1917


Am Vormittag 
Die Verfolgungen, denen die Seher durch den Bezirksvorsteher von Vila Nova de Ourem ausgesetzt waren, übten eine ganz andere Wirkung aus, als dieser sich versprochen hatte. Von da an zweifelte niemand mehr an der Aufrichtigkeit der Kinder; im Gegenteil, viele, die über das Vorgefallene unterrichtet waren, kamen zur Überzeugung, es müsse sich wirklich um übernatürliche Geschehnisse handeln, denn sonst hätte man sich die heroische Standhaftigkeit, welche die Kleinen selbst im Gefängnis bewiesen hatten, nicht erklären können.
Von allen Seiten erhoben sich Proteste gegen die gewalttätige Einmischung der Zivilbehörde. Und schon am 13. September zeigte sich in überraschender Weise, wie sehr die Vorgänge zur Vertiefung des Glaubens und der Frömmigkeit beigetragen hatten.
Ein Augenzeuge
Wir geben die Worte wieder, in denen der bereits zitierte Augenzeuge in einem Privatbrief über die Ereignisse berichtet: „In diesem Monat hatte ich nicht vor, nach Fátima zu gehen. Doch am Abend des 12. kam Freund F. in einem großen Wagen, mit dem er 16 Personen nach Fatima befördern wollte, bei mir vorgefahren; alle waren begierig, den außergewöhnlichen Vorgängen, die sich seit dem Mai am 13. jeden Monats abspielten, beizuwohnen ...
Als mich mein Freund am folgenden Morgen einlud, in seinem Wagen platz zu nehmen, willigte ich mit Begeisterung ein. Am vorhergehenden Tag war ein schier endloser Schwarm von Menschen bei uns vorbeigekommen, die aus den Dörfern an der Küste stammten ... Während der Fahrt war ich tief ergriffen, und es kamen mir mehrmals die Tränen, als ich den Glauben und die glühende Frömmigkeit dieser vielen Tausende sah.
Straßen und Wege waren schwarz von Leuten. Es gab keinen Weg und Steg, auch nicht den schmalsten Pfad, auf dem nicht Männer und Frauen der Hauptstraße zueilten. Es war ein Pilgerzug, der wirklich diesen Namen verdiente und dessen bloßer Anblick schon Tränen der Ergriffenheit auslöste. Nie im Leben habe ich eine so große und feierliche Glaubenskundgebung gesehen. Man sah und hörte absolut nichts, was auch nur im mindesten auf Leichtfertigkeit oder Zerstreuung gedeutet hätte.
Gegen zehn Uhr kamen wir am Ziel unserer Fahrt an. Um diese Zeit war schon eine riesige Menschenmenge dort versammelt; alle nahten sich mit größter Ehrfurcht dem Orte der Erscheinungen. Die Männer nahmen den Hut ab. Fast alle knieten und beteten inbrünstig. F. und ich begaben uns zum Hause der Kinder, um sie zu photographieren und zu befragen. Dieses Zusammentreffen machte den tiefsten Eindruck auf mich. Ich war geradezu bezaubert; ihre engelhafte Einfalt bewies, daß sie nicht logen.
Vom Hause der Kinder gingen wir ins Pfarrhaus, wo wir mit dem Pfarrer und einigen Freunden die Eindrücke des Tages besprachen. Nach einer halben Stunde kehrten wir zur Cova zurück.
Genau zur Mittagszeit verminderte sich der Glanz der Sonne. Es gibt hier niemanden, der dieses Phänomen nicht beobachtet hätte, das sich seit dem Mai am 13. jeden Monats um dieselbe Stunde wiederholt.“
(Diese Behauptung ist nicht ganz richtig; denn einzelne der Anwesenden haben erklärt, nichts Außerordentliches gesehen zu haben. Andere bemerkten nur die Veränderungen der Farbe und Stärke des Sonnenlichtes.)
Die drei Kinder waren kurz vorher angekommen; aber unter was für Schwierigkeiten! Lucia schrieb später darüber: „Als die Stunde herankam, begab ich mich mit Jacinta und Francisco auf den Weg; es drängten sich so viele Leute um uns, daß wir kaum gehen konnten. Die Wege waren voll von Menschen und alle wollten mit uns sprechen. Da gab es keine Menschenfurcht; viele, auch vornehme Personen, durchbrachen die Menge, die sich um uns drängte, fielen auf die Knie und baten uns, der Madonna ihre Wünsche vorzutragen. Andere, denen es nicht gelang, bis zu uns vorzudringen, schrien von weitem; sogar auf Mauern und Bäume waren sie gestiegen, um uns zu sehen:
,Um der Liebe Gottes willen bittet Unsere Liebe Frau, daß sie meinen verkrüppelten Sohn heile!‘ - Ein anderer: ,daß sie meinen heile, der blind ist!‘ ... ,daß sie mir meinen Sohn zurückbringe‘ ... ,meinen Mann, der an der Front ist‘ ... ,daß sie einen Sünder bekehre, der mir teuer ist!‘ ...
Das ganze Elend der armen Menschen wurde da offenbar. Wir versprachen es den einen, reichten den anderen die Hände, um ihnen beim Aufstehen behilflich zu sein, und kamen so Schritt für Schritt vorwärts auf dem Wege, den uns ein Herr durch die Menge bahnte.
Wenn ich jetzt im Evangelium die bezaubernden Szenen lese, wo Jesus durch die Volksmenge schritt, erinnere ich mich immer daran, daß mir der Herr das gleiche auf den armseligen Wegen gezeigt hat, die von Aljustrel nach Fatima und zur Cova da Iria führen. Dann danke ich dem Herrn und opfere ihm den Glauben unseres guten Volkes auf; dabei denke ich: Wenn sich diese Leute vor drei armen Kindern niederwarfen, nur, weil ihnen die Gnade gewährt wurde, mit der Muttergottes zu sprechen, was würden sie tun, wenn sie Jesus vor sich sähen? ...“
„Als die Kinder endlich bei der Steineiche angelangt waren“, so heißt es weiter in dem oben zitierten Brief, „forderte Lucia die Umstehenden auf, zu beten. Ich werde niemals den tiefen Eindruck vergessen, als ich so viele tausend Menschen auf die Knie sinken sah (es waren ca. 15.000-20.000 Personen anwesend), die weinten und beteten und voll Glauben mit lauter Stimme um die mütterliche Fürsprache der Himmelskönigin flehten ...
Was wir in dieser kurzen Viertelstunde erlebten, kann man nie vergessen, aber es ist nicht leicht, es zu beschreiben. Der Anblick der riesigen Menge auf den Knien, die sehnsüchtige Erwartung, die auf ihr lag, die Andacht, mit der sie die Gottesmutter anrief, die erhabene Feierlichkeit des Augenblickes: das alles bildete ein wunderbares, erschütterndes Erlebnis.“

Quelle: Prof. Dr. L. Gonzaga da Fonseca, “Maria spricht zur Welt – Fatimas Geheimnis und weltgeschichtliche Sendung” – Tyrolia Verlag , Innsbruck-Wien-München 1963



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