31.12.2016

Martin von Cochem: Gebet am Silvesterabend

Falle Jesus Christus demütig zu Füßen und bitte ihn um Barmherzigkeit!

Ein schönes Gebet am Silvesterabend

O Mensch, nun ist dieses Jahr auch dahin, gleichwie alle deine vorigen Jahre dahingegangen sind. Nun hast du ein Jahr näher zum Tode und ein Jahr näher zur Ewigkeit.
Dieses Jahr ist hin und wird in Ewigkeit nicht wiederkommen; es ist hin, als wenn es nie gewesen wäre. O Welt, was bist du doch anders als lauter Eitelkeit! O zeitliches Leben, was bist du doch anders als ein Wind, der vorübergeht! Du hast in diesem Jahre viele gute Tage gehabt - was nützen sie dir? Du hast auch viele böse Tage gehabt - was schaden sie dir nun? Gute und böse Tage sind vorüber wie ein Schatten und wie ein Rauch, der nimmer wiederkommt. Was du aber Gutes und Böses getan hast, das bleibt aufgeschrieben in dem Buch und wird in Ewigkeit nicht ausgelöscht werden.
Aber ach, wie wenig Gutes hast du getan und ach, wie viel übles hast du begangen!
Du kannst nicht mit Wahrheit sagen, daß du eine einzige Stunde im Dienste Gottes recht zugebracht hättest. Du kannst aber wohl mit Wahrheit sagen, daß du viel tausend Stunden im Dienste der Welt, im unnötigen Dienst deines Leibes und in schweren Sünden verzehrt hast. Wenn du nun selbst dein Richter sein und alle deine guten Werke auf die eine und alle deine bösen Werke auf die andere Waagschale legen solltest, so könntest du ja nach der Gerechtigkeit kein anderes Urteil über dich selbst sprechen, als daß du der Hölle und nicht des Himmels würdig seist, weil du tausendmal mehr Böses als Gutes getan hast.
Darum falle Jesus Christus demütig zu Füßen und bitte ihn um Barmherzigkeit!
Sprich: „O du gerechter Richter, ich bekenne, daß ich mich in diesem vergangenen Jahre gar oft und grob versündigt habe, und richte mich selbst als ein gerechter Richter. Es ist mir aber von Herzen leid. Weil du nimmer einen reumütigen Sünder verstoßen hast, wollest du mich auch nicht verstoßen. Verzeihe mir, o mein Jesus, ach, verzeihe mir! Darum bitte ich dich durch die bitteren Zähren, die du in deinem Kripplein vergossen, und durch die große Armut, so du im Stall zu Bethlehem gelitten hast. Ich nehme mir vor, das folgende Jahr besser zuzubringen und mich vor der Sünde ernstlich zu hüten.“
Zuletzt bedanke dich von Herzen für alle leiblichen und geistlichen Wohltaten, so Gott dir dieses ganze Jahr erzeigt hat, sonderlich dafür, daß er dich am Leben erhalten hat. O wie viele sind dieses Jahr in seiner Ungnade gestorben, die nicht soviel gesündigt haben als du und dennoch jetzt im höllischen Feuer brennen; mit diesen würdest du jetzt auch brennen, wenn Gott dich in deinen Sünden hätte sterben lassen.
Bedanke dich für den Genuß der heiligen Sakramente, welche dir Gott so vielfältig mitgeteilt und womit er deine unreine Seele gereinigt und geheiligt hat. Bedanke dich, daß er dich vor Unglück, Sünden und Schande behütet hat, wohinein du gewiß gefallen wärest und worin du noch lägest, wenn er nicht gegen dich so gütig gewesen wäre. Endlich bedanke dich ein für allemal und von ganzem Herzen für alle und jede Wohltaten, so er dir an Leib und Seele erwiesen hat und deren mehr sind, als du erkennen, geschweige denn vergelten kannst. Aus Dankbarkeit opfere ihm alles auf, was du und alle Menschen dieses Jahr ihm zuliebe getan und gelitten haben samt allen guten Werken, welche seine lieben Heiligen, besonders seine seligste Mutter und St. Joseph, jemals auf Erden verrichtet haben.
Also beschließe dieses Jahr im Frieden und mache mit ihm ein gutes Ende! Denn man sagt im Sprichwort: „Wenn das Ende gut ist, so ist alles gut.“

Martin von Cochem (1634-1712)

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